| Ansprache von Pastor
Adam Dietrich
"Im Namen des Vaters
und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Meine lieben Katscher, auch besonders die Delegation aus dem heutigen
Kac; meine lieben Freunde:
|
Es
ist ganz recht, dass wir Original-Katscher und unsere Nachkommen
nach rund 56 Jahren nach dem Verlust unserer alten Heimat
so zusammentreffen an diesem Tag des heiligen Kreuzes und
um diese Gedenkstätte für die Toten der alten Heimat
einzuweihen. Die Geschichte unserer Donauschwaben wird heute
weitergeschrieben.
Unser heutiges Tun, die Errichtung und Einsegnung dieses Denkmals
erinnert uns an die Geschichte der Vergangenheit unserer Ahnen,
die vor 250 Jahren ihre deutsche Heimat verließen, um
ein freies und besseres Leben unter den Habsburgern zu finden.
|
 |
Es war ein schweres
Leben. Aber für 200 Jahre lebten sie mit ihren serbischen und
etlichen ungarischen Nachbarn friedlich zusammen. Sie behielten
ihren lutherischen Glauben, hatten ihre Kirche (heute feiern wir
den 109. Gedenktag der Kirchweihe unserer Katscher Kirche / eingeweiht
1894) und ihre eigene deutsche Schule.
Dann kam der Zweite Weltkrieg.
Am 6. Oktober 1944 flüchteten die Katscher Deutschen mit Wagen
und Pferden und Traktor, um nie wieder in die alte Heimat zurückzukehren.
Da war ich auch als 9-Jähriger dabei. Der Dietrich-Wagen steht
ja in der Katscher Stube hier in Oftersheim.
All die, die zurückblieben
kamen in die Vernichtungslager unter Tito und haben dort ihr Leben
verloren. Darunter waren zwei besondere Seelsorger: Pfarrer Franz
Klein, der die meisten von uns getauft hat, konfirmiert und vielleicht
getraut hat. Und der zweite war unser Landesbischof, Dr. Philipp
Popp. Beide haben ihr Leben als Märtyrer in den Vernichtungslagern
verloren, wo sie den Sterbenden Hoffnung und Glauben in Jesus Christus
überlieferten, obwohl ihnen dieses streng verboten war und
sie dafür leiden und sterben mussten.
Dieses Denkmal ist auch Teil der Geschichte der Gegenwart: Wir haben
uns versammelt, hier in unserer neuen Heimat Oftersheim zum Gebet
und zur Andacht.
Unser Kirchhof ist verwüstet und bar. Nur ein Grabstein (Dank
der Gemeinde Kac) erinnert an unsere Toten. Wo unsere Lieben im
Krieg gefallen sind und die auf der Flucht starben, begraben sind
ist uns oft unbekannt. So auch die, die als Märtyrer in den
Vernichtungslagern den Tod herbeisehnten.
Ich erinnere mich an ein Sprichwort, das die Alten immer sagten:
"Daheem is daheem un wan's hinner'm Ouva is." Wir kennen
die Wahrheit darin wohl. Aber als Oster-Menschen lasst uns dieses
Sprichwort ein bisschen ändern: "Daheem is daheem, wu
halt unser Herrgott is" und der ist überall! Und unser
auferstandener Heiland kommt am letzten Tag und nimmt uns alle,
die an ihn glauben, in unsere wahre Heimat, sein Himmelreich, und
es macht nichts aus, wo wir begraben sind! Darüber legt unsere
Katscher Gedenkstätte für die Toten Zeugnis ab.
Im Namen des Vaters und
des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen"
|
The Reverend Adam
A. Dietrich, alt-lutherischer Pfarrer der Lutherischen Kirche
Missouri Synode, Palos Heights (Chicago), Illinois, USA. 14.
September 2002
 |
Mit einem
Musikstück des Posaunenchors endete die Feierstunde
und nun war es geplant, zur Kurpfalzhalle zu fahren,
um gemeinsam die Katscher Kerweih zu feiern.
Alle waren
noch sehr berührt von den Worten während dieser
Feierstunde und man stand noch ein wenig auf dem Friedhof
beisammen - die Katscher von früher und die von
heute.
|
Ich wollte mich
mit meiner Familie schon auf den Weg zum Ausgang machen, als
plötzlich ein Mann aus der Gruppe der serbischen Gäste
auf uns zukam und mich ansprach: "Andrea?" fragte
er mich und ich nickte und sah ihn fragend an. "Wer ist
das, woher kennt der mich?" dachte ich. Ich muss ziemlich
verständnislos dreingeblickt haben, noch dazu weil er
kein Deutsch konnte und ich kein Serbisch. Zum besseren Erkennen
hatten die Verantwortlichen jedem Gast bei der Katscher Kerweih
Namensschildchen gegeben. Der Mann deutete auf sein Namensschild
und sagte: "Ja sam Sava". Ich sah auf das Schild
und da stand "SAVA STAJIC". In diesem Moment dachte
ich, das muss ein Traum sein, aus dem ich gleich erwache.
Das war tatsächlich der Sava, mit dem ich als Kind bei
meinem ersten Besuch in Katsch 1967 gespielt hatte! Er war
damals 9 und ich 8 Jahre alt. Und als wir 1984 zuletzt in
Katsch waren hatten wir uns flüchtig nur gesehen. Herzlich
umarmten wir uns und ich stellte ihm meinen Mann und meine
Söhne vor. Auch meine Mutter und meine Brüder erkannte
er gleich und es war eine riesige Wiedersehensfreude. Als
er nach meinem Vater fragte "Fricika?" konnte ich
nur den Kopf schütteln und mir kamen die Tränen.
Ich deutete auf ein Grab und gab ihm zu verstehen "Fricika
lebt nicht mehr". Er war sichtlich betroffen, als er
verstand, was ich meinte und ließ mir über jemand,
der hinzugekommen war, um uns mit der Übersetzung behilflich
zu sein, sagen, dass er ein Geschenk von seinem Vater Steve
für dessen Freund Fritz dabei habe. Hilflos und verzweifelt
fühlte ich mich in diesem Moment, weil ich ihm nicht
das alles sagen konnte, was ich gerne gesagt hätte. Dass
mein Vater immer an seinen Freund Steve gedacht hat, ihn nie
vergessen hat und dass das Andenken an Katsch bei uns sehr
gepflegt wird. Stattdessen konnte ich ihn nur stumm anschauen.
Nie hätte ich geglaubt, jemals wieder ein Mitglied der
Familie Stajic wiederzusehen, und schon gar nicht hier in
Deutschland. Wie hätte mein Vater sich über diesen
Besuch gefreut! Er hätte fragen können, was sein
alter Freund Steve macht und wie es der Familie geht. Fragen,
die uns über all die Jahre beschäftigt hatten. Jetzt
konnte ich Sava nur noch an Vaters Grab führen. Warum
darfst du das nicht mehr erleben, Papa? habe ich gedacht.
Wir fuhren dann
alle zur Kurpfalzhalle zur Kerweih, aber es dauerte ein wenig,
bis die rechte Feierlaune bei mir aufkommen wollte.
Nach einigen Ansprachen und Grußworten sowie der Unterzeichnung
und dem Austausch der Partnerschaftserklärung zwischen
der HOG und der Kulturgesellschaft "Stevan Mokranjac"
folgte ein Folkloreabend der Spitzenklasse. Was die jungen
Serben bei ihren Tanzdarbietungen in unterschiedlichen Trachten
ihrer Heimat und den Musikstücken an Lebensfreude versprühten,
wirkte ansteckend. Der ganze Saal war zeitweise auf den Beinen,
niemand hielt es mehr auf seinem Stuhl und alle tanzten begeistert
mit. Fast 60 Jahre hat es gedauert, bis sich die wenigen der
Erlebnisgeneration und die Enkel der früheren serbischen
Nachbarn die Hand zur Versöhnung reichten. Es wurde zusammen
gefeiert und gelacht, Geschichten von früher erzählt
und die älteren Katscher waren neugierig zu erfahren,
wie die jungen Leute heute in Kac leben und wer von den früheren
Nachbarn denn noch lebe.
 |
 |
Viel zu schnell ging der Abend zu Ende. Ein vielversprechender
Schritt aufeinander zu im zusammenwachsenden Europa war getan
worden. Getreu dem Katscher Wappenspruch: Pax interior - Pax
exterior, Frieden innen - Frieden außen.
|
|
|