Katscher Kerweih 2002
 
Im September 2002 erfolgte auf eine offizielle Einladung der Heimatortsgemeinschaft der Gegenbesuch der Serben zur Katscher Kerweih in Oftersheim. Ein vollbesetzter Bus, überwiegend Jugendliche des Kacer Kulturvereins "Stevan Mokranjac", einige Betreuer sowie Gemeindevertreter, kamen am späten Freitagabend in Oftersheim an, um einige Tage in der neuen Heimat der früheren Katscher zu verbringen.

Der Samstag stand im Zeichen der Kerweih und der Einweihung der Katscher Gedenkstätte auf dem Oftersheimer Friedhof. Die Kacer Gäste wohnten allesamt der Feierstunde, die vom Posaunenchor der Gemeinde Oftersheim umrahmt wurde, bei. Reverend Adam Dietrich, ein gebürtiger Katscher, war eigens aus Chicago angereist, um die Einweihung der Gedenkstätte vorzunehmen. Ergreifende Worte der Trauer um die Toten, die irgendwo in fremder Erde ruhen, aber auch Worte der Versöhnung und der Dankbarkeit wurden gesprochen und so manches Mal hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Ansprache von Pastor Adam Dietrich

"Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Meine lieben Katscher, auch besonders die Delegation aus dem heutigen Kac; meine lieben Freunde:

Es ist ganz recht, dass wir Original-Katscher und unsere Nachkommen nach rund 56 Jahren nach dem Verlust unserer alten Heimat so zusammentreffen an diesem Tag des heiligen Kreuzes und um diese Gedenkstätte für die Toten der alten Heimat einzuweihen. Die Geschichte unserer Donauschwaben wird heute weitergeschrieben.
Unser heutiges Tun, die Errichtung und Einsegnung dieses Denkmals erinnert uns an die Geschichte der Vergangenheit unserer Ahnen, die vor 250 Jahren ihre deutsche Heimat verließen, um ein freies und besseres Leben unter den Habsburgern zu finden.

Es war ein schweres Leben. Aber für 200 Jahre lebten sie mit ihren serbischen und etlichen ungarischen Nachbarn friedlich zusammen. Sie behielten ihren lutherischen Glauben, hatten ihre Kirche (heute feiern wir den 109. Gedenktag der Kirchweihe unserer Katscher Kirche / eingeweiht 1894) und ihre eigene deutsche Schule.

Dann kam der Zweite Weltkrieg. Am 6. Oktober 1944 flüchteten die Katscher Deutschen mit Wagen und Pferden und Traktor, um nie wieder in die alte Heimat zurückzukehren. Da war ich auch als 9-Jähriger dabei. Der Dietrich-Wagen steht ja in der Katscher Stube hier in Oftersheim.

All die, die zurückblieben kamen in die Vernichtungslager unter Tito und haben dort ihr Leben verloren. Darunter waren zwei besondere Seelsorger: Pfarrer Franz Klein, der die meisten von uns getauft hat, konfirmiert und vielleicht getraut hat. Und der zweite war unser Landesbischof, Dr. Philipp Popp. Beide haben ihr Leben als Märtyrer in den Vernichtungslagern verloren, wo sie den Sterbenden Hoffnung und Glauben in Jesus Christus überlieferten, obwohl ihnen dieses streng verboten war und sie dafür leiden und sterben mussten.
Dieses Denkmal ist auch Teil der Geschichte der Gegenwart: Wir haben uns versammelt, hier in unserer neuen Heimat Oftersheim zum Gebet und zur Andacht.
Unser Kirchhof ist verwüstet und bar. Nur ein Grabstein (Dank der Gemeinde Kac) erinnert an unsere Toten. Wo unsere Lieben im Krieg gefallen sind und die auf der Flucht starben, begraben sind ist uns oft unbekannt. So auch die, die als Märtyrer in den Vernichtungslagern den Tod herbeisehnten.
Ich erinnere mich an ein Sprichwort, das die Alten immer sagten: "Daheem is daheem un wan's hinner'm Ouva is." Wir kennen die Wahrheit darin wohl. Aber als Oster-Menschen lasst uns dieses Sprichwort ein bisschen ändern: "Daheem is daheem, wu halt unser Herrgott is" und der ist überall! Und unser auferstandener Heiland kommt am letzten Tag und nimmt uns alle, die an ihn glauben, in unsere wahre Heimat, sein Himmelreich, und es macht nichts aus, wo wir begraben sind! Darüber legt unsere Katscher Gedenkstätte für die Toten Zeugnis ab.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen"

The Reverend Adam A. Dietrich, alt-lutherischer Pfarrer der Lutherischen Kirche Missouri Synode, Palos Heights (Chicago), Illinois, USA. 14. September 2002

Mit einem Musikstück des Posaunenchors endete die Feierstunde und nun war es geplant, zur Kurpfalzhalle zu fahren, um gemeinsam die Katscher Kerweih zu feiern.

Alle waren noch sehr berührt von den Worten während dieser Feierstunde und man stand noch ein wenig auf dem Friedhof beisammen - die Katscher von früher und die von heute.

Ich wollte mich mit meiner Familie schon auf den Weg zum Ausgang machen, als plötzlich ein Mann aus der Gruppe der serbischen Gäste auf uns zukam und mich ansprach: "Andrea?" fragte er mich und ich nickte und sah ihn fragend an. "Wer ist das, woher kennt der mich?" dachte ich. Ich muss ziemlich verständnislos dreingeblickt haben, noch dazu weil er kein Deutsch konnte und ich kein Serbisch. Zum besseren Erkennen hatten die Verantwortlichen jedem Gast bei der Katscher Kerweih Namensschildchen gegeben. Der Mann deutete auf sein Namensschild und sagte: "Ja sam Sava". Ich sah auf das Schild und da stand "SAVA STAJIC". In diesem Moment dachte ich, das muss ein Traum sein, aus dem ich gleich erwache. Das war tatsächlich der Sava, mit dem ich als Kind bei meinem ersten Besuch in Katsch 1967 gespielt hatte! Er war damals 9 und ich 8 Jahre alt. Und als wir 1984 zuletzt in Katsch waren hatten wir uns flüchtig nur gesehen. Herzlich umarmten wir uns und ich stellte ihm meinen Mann und meine Söhne vor. Auch meine Mutter und meine Brüder erkannte er gleich und es war eine riesige Wiedersehensfreude. Als er nach meinem Vater fragte "Fricika?" konnte ich nur den Kopf schütteln und mir kamen die Tränen. Ich deutete auf ein Grab und gab ihm zu verstehen "Fricika lebt nicht mehr". Er war sichtlich betroffen, als er verstand, was ich meinte und ließ mir über jemand, der hinzugekommen war, um uns mit der Übersetzung behilflich zu sein, sagen, dass er ein Geschenk von seinem Vater Steve für dessen Freund Fritz dabei habe. Hilflos und verzweifelt fühlte ich mich in diesem Moment, weil ich ihm nicht das alles sagen konnte, was ich gerne gesagt hätte. Dass mein Vater immer an seinen Freund Steve gedacht hat, ihn nie vergessen hat und dass das Andenken an Katsch bei uns sehr gepflegt wird. Stattdessen konnte ich ihn nur stumm anschauen. Nie hätte ich geglaubt, jemals wieder ein Mitglied der Familie Stajic wiederzusehen, und schon gar nicht hier in Deutschland. Wie hätte mein Vater sich über diesen Besuch gefreut! Er hätte fragen können, was sein alter Freund Steve macht und wie es der Familie geht. Fragen, die uns über all die Jahre beschäftigt hatten. Jetzt konnte ich Sava nur noch an Vaters Grab führen. Warum darfst du das nicht mehr erleben, Papa? habe ich gedacht.

Wir fuhren dann alle zur Kurpfalzhalle zur Kerweih, aber es dauerte ein wenig, bis die rechte Feierlaune bei mir aufkommen wollte.
Nach einigen Ansprachen und Grußworten sowie der Unterzeichnung und dem Austausch der Partnerschaftserklärung zwischen der HOG und der Kulturgesellschaft "Stevan Mokranjac" folgte ein Folkloreabend der Spitzenklasse. Was die jungen Serben bei ihren Tanzdarbietungen in unterschiedlichen Trachten ihrer Heimat und den Musikstücken an Lebensfreude versprühten, wirkte ansteckend. Der ganze Saal war zeitweise auf den Beinen, niemand hielt es mehr auf seinem Stuhl und alle tanzten begeistert mit. Fast 60 Jahre hat es gedauert, bis sich die wenigen der Erlebnisgeneration und die Enkel der früheren serbischen Nachbarn die Hand zur Versöhnung reichten. Es wurde zusammen gefeiert und gelacht, Geschichten von früher erzählt und die älteren Katscher waren neugierig zu erfahren, wie die jungen Leute heute in Kac leben und wer von den früheren Nachbarn denn noch lebe.


Viel zu schnell ging der Abend zu Ende. Ein vielversprechender Schritt aufeinander zu im zusammenwachsenden Europa war getan worden. Getreu dem Katscher Wappenspruch: Pax interior - Pax exterior, Frieden innen - Frieden außen.