Für einen Freund

Der Wert des Lebens liegt nicht in der Länge der Zeit,
sondern darin, wie wir sie nutzen.
Ein Mensch mag lange leben und doch wenig erfahren.
Es hängt nicht von der Zahl der Jahre ab,
ob er im Leben Befriedigung findet,
sondern allein von seinem Willen.

Montaigne

 

Mathias Homann *14. Dezember 1948 in Stefansfeld
+ 10. Oktober 2007 in Eggingen

In der Zeitung lese ich heute über eine Aktion der Caritas "Eine Million Sterne". Auf öffentlichen Plätzen in den Innenstädten können Passanten eine Kerze anzünden, so dass ein ganzes Lichtermeer entsteht. Jede Kerze soll dabei für einen Menschen in einer schwierigen Lebenssituation brennen. "In unseren Herzen soll es niemals dunkel werden" lese ich weiter. Ich muss schlucken, als ich diesen Satz lese und Tränen steigen mir in die Augen, denn ich denke an dich, Mathias. Ich vermisse dich und die Nachrichten, die mehrmals pro Woche zwischen uns hin und her flogen. Elektronische Post, in der wir uns mitteilten, wie es uns gerade geht oder was wir gerade tun, wir unterhielten uns über das Wetter bei dir am Hochrhein und bei mir am Oberrhein, über unsere Arbeit, Belanglosigkeiten und auch über sehr viel Tiefgründiges. Du warst immer grundehrlich, ich konnte dir vertrauen und ich wusste, du würdest mich niemals wegen etwas auslachen. Du warst wie ein großer Bruder für mich, ein guter Freund, der immer da war, wenn man ihn brauchte. Und nun bleibt dein Nachrichtenordner auf meinem Computer für immer leer - du wirst mir auf mein letztes Mail, in dem ich dich fragte, warum du dich so lange nicht gemeldet hast, nicht mehr antworten.

Ist es nicht seltsam, dass man erst so richtig über einen Menschen nachdenkt, wenn er nicht mehr da ist? Man glaubt, man habe noch so viel Zeit, und doch sind wir - "mitten im Leben vom Tod umfangen" - wie es in einem alten Kirchenlied heißt.
Menschen kreuzen unseren Lebensweg, begleiten uns ein Stück und manche berühren uns auf eine ganz besondere Weise. Für mich warst du so ein Mensch, Mathias. Deine Art, auf Menschen zuzugehen, deine uneigennützige Hilfsbereitschaft, deine ganz eige-ne Sicht der Dinge und dein Sinn für Humor, aber auch deine Verletzlichkeit - das alles habe ich an dir bewundert und sehr geschätzt. Du hast so viel gegeben und für dich im Gegenzug nur so wenig in Anspruch genommen. Ich denke darüber nach, wie alleine und verzweifelt du dich in den letzten Tagen deines Lebens gefühlt haben musst, dass du keinen anderen Ausweg mehr sahst, als dein Leben zu beenden. Wieder und wieder lese ich deine letzten E-Mails, die du mir geschickt hast. Wieder und wieder frage ich mich - warum hat niemand etwas von deinem Zustand bemerkt? Noch immer kann ich es nicht glauben, dass du nicht mehr da bist, dein Tod ist unfassbar, ich bin traurig und sehr betroffen.

Meine Liebe zum Herkunftsort meines Vaters im heutigen Serbien und unser gemeinsames Interesse an unseren donauschwäbischen Wurzeln hat unsere Wege vor einigen Jahren zusammengeführt. Damals war mein Vater gerade sieben Jahre tot. Meinen Schmerz über diesen Verlust versuchte ich zu mildern, indem ich mich mit meiner Familiengeschichte beschäftigte und über das Internet nach Informationen über die Geschichte der Donauschwaben suchte. Die Eingabe dieses Suchwortes "Donauschwaben" führte mich zu den Seiten www.hog-setschan.de. Das war der Beginn einer Freundschaft.

Ich war von der wundervollen Gestaltung dieser Seiten sofort begeistert. So viel Liebe sprach aus jeder Zeile, jedem Bild, dass ich meiner Begeisterung am 17. November 2000 mit dem ersten Eintrag, den ich jemals in ein Gästebuch schrieb, Ausdruck verlieh. Ich schrieb, wie sehr mich diese Seiten ansprechen würden und dass ich mir eine solche Homepage auch für den Heimatort meines Vaters wünschen würde. Ich hatte nie damit gerechnet, überhaupt eine Antwort zu bekommen, aber es dauerte noch nicht einmal einen Tag und ich bekam ein Antwortmail von dir. Du fandest es toll, dass ich mich so für die Geschichte meiner Familie und für meine Wurzeln interessiere und fragtest mich in deiner unnachahmlichen Art, was mich denn hindere, eine eigene Homepage zu machen. Die mangelnden Kenntnisse wie man so etwas macht, antwortete ich und kurz darauf kam von dir: Ich zeig's dir, wenn du willst! Deine Art, dich mitzuteilen, war schon ein wenig frech, aber sie gefiel mir, und ich hatte sofort Vertrauen zu dir.

Außerdem hat es mich sehr beeindruckt, dass ein Mensch, der mich gar nicht kennt, mir so spontan seine Hilfe anbietet. Aber ich habe sofort gespürt, dass du mich verstehst, dass wir aus dem gleichen Holz geschnitzt waren und - wie du es nanntest - mit "den gleichen donauschwäbischen Tugenden" ausgestattet waren……Und so nahm alles seinen Lauf.

Im Sommer darauf fuhr ich zusammen mit meinem Mann von Hockenheim zu dir nach Eggingen, immerhin zweieinhalb Stunden Fahrt, und du hast an jenem Sonntag in deinem Haus mit mir die ersten Seiten meiner Homepage www.hog-katsch.de gebastelt. Für mich war das alles Neuland und ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas überhaupt kann, aber du hast mir geduldig alles gezeigt und erklärt, so dass gar nichts mehr schief gehen konnte. Ich war so stolz auf das, was wir da an nur einem Tag gemeinsam zustande gebracht hatten! Und du hast meine Freude mit mir geteilt und sie einfach still genossen. So oft hast du mir danach noch Mut gemacht, wenn es mal nicht so laufen wollte, wie ich mir das vorgestellt hatte und ich nicht mehr weiterwusste! "Lass dir von niemandem reinreden" hast du immer gesagt, "mach das nur für dich!" Das hat mir immer geholfen.

Ich habe so viele liebe Menschen durch dich kennen gelernt. Hättest du mich damals nicht ermutigt, eine eigene Homepage zu machen, wäre ich auch Mila, die in Katsch lebt, und die ich liebe wie eine Schwester, nie begegnet.

Du hast meinen Mann und mich zum Setschaner Treffen in Wernau eingeladen, obwohl wir ja total fremd in eurer Gemeinschaft waren. Im September 2002 waren wir dann erstmals bei der Setschaner Kerweih. Wir haben uns gleich wohl gefühlt, denn alle waren sehr freundlich und man gab uns niemals das Gefühl, fremd zu sein. Ich habe die Setschaner glühend beneidet, einen so engagierten Landsmann wie dich in den Reihen zu haben. Jemand, der seine knappe Freizeit opfert und für die Setschaner in aller Welt ihren Heimatort im Internet wiederaufgebaut hat. Das virtuelle Setschan war dein Lebenswerk. Ein Stückchen Heimat für viele Landsleute und auch für dich.

Aber nicht alle wussten dein Engagement zu schätzen und so musstest auch du einige Tiefschläge einstecken und Enttäuschungen hinnehmen von Menschen, von denen du glaubtest, es seien deine Freunde. Ich habe damals wie viele andere mit dir gelitten, und ich habe gespürt wie sehr man dich verletzt hat.

Ich glaube, damals ist etwas in dir zerbrochen. Du wolltest alles aufgeben, die Setschaner Homepage aus dem Netz nehmen. Du sahst dein Lebenswerk zerstört, fühltest dich hintergangen, ausgenutzt, betrogen. Von vielen Seiten bekamst du Zuspruch, alle wollten dir Mut zum Weitermachen geben, und es schien, als hättest du dich etwas gefangen. Es war nur wenig Balsam für deine verletzte Seele. Und wir alle haben nicht gemerkt, wie es wirklich in dir aussah.

"Das Jahr der persönlichen Veränderungen" hast du das letzte Jahr in einer deiner letzten Nachrichten an mich genannt. "Ich habe diesen Weg eingeschlagen und werde nun sehen, wohin er mich führt…." schriebst du über eine neue Liebe, die du gefunden zu haben glaubtest und ich freute mich für dich. Heute muss ich weinen, wenn ich diesen Satz lese. Dein Weg ist nun zu Ende, Mathias, und ich wünsche dir, dass du deinen Frieden gefunden hast. Danke für alles, danke, dass du mein Freund warst.

Andrea