NACHTKRAPP / AKTUELLES



Historische Schiffsreise im Oktober 2004

 

Mit Herzklopfen vor dem Elternhaus

Praktizierte christliche Nächstenliebe

Höhepunkte der drei historischen Tage in der Vojvodina
Die politisch-historische Aufarbeitung der Kriegsjahre
Die Wahrheit nach 60 Jahren
Erlebnisreiche Abende in der Vojvodina
"Leinen los!" Die Donau aufwärts nach Passau
Anhang
Kindergärtnerinnen aus der Vojvodina

 


Während der Fahrt haben sich die Passagiere im Rahmen einer eigens eingerichteten Donau-Akademie vor- und nachmittags auf die Probleme aus Vergangenheit und Gegenwart vorbereitet. Etwa 70 % der Teilnehmer gehörte zur Erlebnisgeneration, 30 % zu den Nachfahren. Es gab ganze Familiengruppen, die sich aus drei Generationen zusammensetzten. Man wollte die Erzähl-Heimat der Großeltern kennen lernen - und gleichzeitig den Älteren beistehen, wenn die Erinnerungen an Freund und Leid zu überborden drohten. Die entsprechende geistige und geistliche Arbeit leistete Pfarrer Manfred Wagner aus Reutlingen, der die Donau-Schwaben und ihre Herkunftsländer kennt. Er ist Ostbeauftragter der evangelischen Kirche von Württemberg. Seine Gottesdienste, Andachten und Referate stärkten die "Heimfahrer".

Mit Herzklopfen vor dem Elternhaus

Nach der dreitägigen Schiffanreise folgte ein gleichlanger Landaufenthalt in der Heimat bis Oktober 1944. Die Befangenheit wuchs, wenige steigerten sich in Erinnerungsängste und zogen sich zurück. Andere der Erlebnisgeneration freuten sich auf das Wiedersehen mit den andersnationalen Freunden der Jugendzeit. Sie erzählten von Erlebnissen und sangen Lieder aus vergangener Zeit miteinander.

Dieses im 18. und 19. Jahrhundert ehemals deutsch-österreichische Kaiserland war etwa gleichzeitig von slawischen wie von deutschen Volkstämmen aber auch von Ungarn bevölkert worden. Heute erfasst die Statistik über 20 Kultur- und über 30 Konfessionsgruppen. Ein Klein-Europa in sich.

Sremski Karlovci: Orthodoxe Kirche und Sitz des Patriarchen

Die drei Tage in der Vojvodina waren prall gefüllt mit Terminen, Ereignissen und Gefühlen. Wichtige Ereignisse und Botschaften:

Der Vorsteher der Friedensunternehmung, Herbert Schön, Landau, hob in zahlreichen Presse-, Radio- und Fernseh-Interviews hervor, dass die Donauschwaben in ihr ehemaliges Heimatland nicht gekommen seien, um auf altes Unrecht neues zu setzen. Im Gegenteil, man sei gekommen um alte Wunden und Narben, die beide Seiten sich zugefügt hätten, zu heilen und verschwinden zu lassen. Die "Schwaben", die alten Hausnachbarn, laden die Gutwilligen dazu ein, Europa-Nachbarn zu werden. Mit ihrer Hilfe. Diese Botschaft sollte insbesondere der Propaganda einer bestimmten Seite im Land entgegengestellt werden, die behauptete, die Deutschen kämen, um die jetzigen Hausbesitzer zu verjagen.


Bischofssitz in Novi Sad

Ganz anders sah es beim Besuch der ehemaligen Heimatdörfer aus. Die Provinzregierung hatte, auf Bitten des Hilfskomitees, die Ankunft der offiziellen Dorfgruppen in den jeweiligen Heimatorten angekündigt. Der Empfang übertraf alle heimlichen Hoffnungen und Erwartungen. Die Ortsgruppen waren unterschiedlich groß. Sie reichten von Katsch/Kac mit 47 bis Titel zwei Personen. Die Herzlichkeit bei der Begrüßung war gleich. Die einen wurden mit Glockenläuten, andere mit Tanzgruppen und eine sogar mit Kutschrundfahrten erwartet.

Die Sprachlosigkeit und Verlegenheit löste sich schnell in Wiedererkennung auf - die Nachbarn, die Schulkameraden, die Sportfreunde. Einer erfuhr nach 60 Jahren Abwesenheit in seinem Dorf: "Du siehst aber deiner Mutter ähnlicher als deinem Vater". (So etwas macht nachdenklich in einer Welt, die nicht nachdenken will.)


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Praktizierte christliche Nächstenliebe

Bemerkenswert sind die Punkte: In einer Nervenheilanstalt, die elend ausgestattet ist, liefern die Donau-Fahrer zwei Koffer voller Psychopharmaka ab, ein Mangel seit Jahren. Die Ärzte weinen, weil sie endlich den Ärmsten helfen können. Das ökumenische Sozialzentrum Neusatz/Novi Sad erhält ca. 50 Säcke Kleidung, Bettwäsche und Schuhe für Sozialschwache. Kindergärten, Altenheime und Krankenstationen erhalten spontan wirksame Spenden. Still, ohne viele Worte, tränenreich in Erinnerung an das eigene schwere Schicksal der Kriegszeit. Die ehemals Geächteten werden zu Geachteten. Ein Handwerker-Senior erfuhr, dass in seinem ehemaligen Dorf Spengler/Installateure fehlten, weil kein Betrieb mehr ausbilde. Der Mann bot in seiner inzwischen altmodisch gewordenen serbischen Dialektversion an, in einem Jahr Lehrlinge kostenlos auszubilden. Er werde alle Geräte und Materialien hierfür aus Deutschland mitbringen. An einem anderen Platz entschlossen sich Donau-Schwaben ihren geplünderten Friedhof auf 150 Quadratmeter zu reduzieren - besser eine kleine friedliche Oase als eine chaotische Wüste. In anderen Fällen sucht man innerlich aufgewühlt Lösungen, wie Kirchen- oder Kirchenruinen erhalten - oder aber aufgegeben werden.


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Begrüßung durch Bürgermeister Jozo Cicak in Kac


Höhepunkte der drei historischen Tage in der Vojvodina

Das gemeinsame christliche Gebet zwischen evangelischen und katholischen Donau-Schwaben einerseits und den orthodoxen Serben und den evangelischen Slowaken andererseits. Bischof Irineji sprach in akzentfreiem Deutsch zu den vielen Gottesdienstbesuchern aus seinem Land und denen aus der "Diaspora". Er sprach die Deutschen als Brüder und Schwestern an. Er betonte die Gemeinsamkeiten im Glauben und der Hoffnung - als Gegensatz zu der Politik der Faschisten und Kommunisten aus der Vergangenheit. Pfarrer Wagner unterstrich dieses Ziel der 200 donauschwäbischen Pilger, mit denen er gekommen sei im Sinne des "Vater unser" - um Vergebung zu bitten und um Vergebung zu geben. Die Donau-Schwaben hatten während der Anfahrt eingeübt und trugen diese voller Bewegung im Gottesdienst vor. Auf der serbisch-orthodoxen Seite stimmten ihnen ein Chor von Theologie-Studenten mit herrlichem Gesang zu. Tränen liefen. Bisher wildfremde Menschen sprechen sich an, vergaben sich und umarmten einander. Tiefe Rührung erfasste alle Gottesdienstbesucher - seit Jahrzehnten im Schweigen, davor im Krieg getrennt.


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Die politisch-historische Aufarbeitung der Kriegsjahre

Beim Empfang der 200 Donau-Schwaben im Parlament der Provinz Vojvodina - ein in der Anzahl und in der Bedeutung erstmaliger Akt - betonten die Parlaments- bzw. Regierungsspitzen Canak und Egereši die Wichtigkeit des Dialogs, der Friedens- und Versöhnungsanstrengungen von beiden Seiten. Es gäbe keine Alternative, wenn es darum ginge, das Vergangene aufzuarbeiten und in die Zukunft zu planen. Der Sprecher der Reisegruppe, Herbert Schön, erinnerte seine Landsleute und die Gastgeber, dass "ein Vater, der seine Schuld nicht abtrage, diese an seine Kinder vererbe". Die gemeinsame Zukunft der Jugend beider Länder müsse realistisch aufgearbeitet werden. Daher habe man aus eigenen Mitteln eine "Kurz-Geschichte der Donau-Schwaben" auf 20 Seiten erstellt, diese von kompetenter serbischer Seite überprüfen und übersetzen lassen. Das möge der Anfang einer gemeinsamen Schulbuchkommission sein - neben anderen Projekten, die umgesetzt werden sollten. Die ausgebildete Jugend des Landes, das Human-Kapital, verliere die Hoffnung auf eine Zukunft und wandere ab.

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Deutscher Friedhof in Kac (Lasi Obelisk)


Die Wahrheit nach 60 Jahren

Die Wahrheitskommission des Landes, mit Prof. Živkovic an der Spitze, arbeitet seit Jahren daran die Fakten von 1944 bis 1948 historisch-korrekt darzustellen. Sowohl den deutschen als auch den Kroaten, Bosniern, Slowenen und den anderen Volksgruppen gegenüber. (Die ersten diesbezüglichen Dokumente hatten Vertreter der ehemaligen deutschen evangelischen Landeskirche vor vier Jahren übergeben.)

Ein tiefer Seufzer ging durch die Reihen der Donau-Schwaben. Soviel historische Aufarbeitung hatte zu diesem Zeitpunkt niemand erwartet. 60 Jahre des Zweifelns, der Demütigung und der Entwurzelung wandelten sich schrittweise in Genugtuung, Dankbarkeit und Zuversicht.
In dieser inneren Bewegung schlug Robert Lahr von der Hungerhilfe Batschka am Abend vor, dass alle Schiffsreisenden Geld spenden sollten, damit Kränze an den Lagergedenkstätten Gakowa, Kruševlje und Knicanin niedergelegt werden konnten.


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Erlebnisreiche Abende in der Vojvodina

Nicht nur die drei Tage an Land, auch die Abende in der ehemaligen Heimat waren prall mit Erlebnissen und Ereignissen angefüllt:

- Am ersten Abend waren etwa 50 wichtige Repräsentanten der Vojvodina willkommene Gäste der Donau-Schwaben: Mitglieder des Parlamentes, der Regierung, der Museen, der Industrie- und Handelskammer und der Städte und Gemeinden, die am nächsten Tage Besuch ihrer früheren Bewohner bekamen. Diese Persönlichkeiten wurden zu einem festlichen Empfang und Festessen begrüßt. Die Gastgeber achteten darauf, dass nicht nur die sprachliche, sondern auch eine herzliche Verständigung an jedem Tisch gegeben war.

- Am zweiten Abend hatte man die Vertreter der deutschen und europäischen Vereine zu einem Kennen lernen auf das Kreuz-Fahrt-Schiff gebeten. Über ein dutzend Repräsentanten waren gekommen, um ihre Gruppen und deren Arbeit, Ziele und Probleme darzulegen. Sie sind die letzten der einstmals halben Million Deutschen des Landes. Mit viel Idealismus und Opfer bemühen sie sich um den Erhalt ihrer deutschen Kultur. Bei der Vorstellung bedankten sich mehrere für die humanitäre Unterstützung durch das Hilfswerk von Robert Lahr, Eggenfelden.

- Am dritten Abend wollten sich alle Donau-Reisenden nach den vielen Informationen, Besichtigungen und Erinnerungen etwas erholen. Der Kulturverein Stevan Mokranjac aus Kac/Novi Sad war mit 50 Sängern, Musikern und Tänzern zu einem Folklore-Abend gekommen. Die Rezitationen der Austauschschülerin Vera Dobanovacki, die lebendigen Musikbeiträge und die temperamentvollen Tänze aus verschiedenen Regionen des Landes begeisterten Jung und Alt. Für einen Großteil der Zuschauer waren die jungen Amateur-Künstler bereits "alte Bekannte" von ihren Auftritten vor zwei Jahren in Oftersheim, Speyer und Langen. Umso herzlicher war das beidseitige Wiedersehen.


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Blick von Petrovaradin über die neue Brücke auf Novi Sad


"Leinen los!" Die Donau aufwärts nach Passau

Auf der Rückreise halfen zwei Referate zum Überblick sowohl über die Vergangenheit als auch über die Zukunft - hatte man sich doch bisher allein mit der eigenen Opferrolle beschäftigt. Der Germanist und Historiker Dr. Janjetovic aus Belgrad stellte in lebendigen Worten die deutsch-serbische Geschichte vor. Ohne Auslassungen, ohne Ideologien. Am nächsten Tag schilderte Dr. Lamers, Direktor der Konrad-Adenauer-Stiftung, Außenstelle Belgrad, seine Arbeit für die demokratischen Kräfte im Land und die mögliche Zukunft der Donau-Länder. Die Vogelperspektive beider Vorträge ordnete die Geschichte der Donau-Schwaben neu ein: Einst Motor im Vielvölkerstaat Jugoslawien, nunmehr nur noch Teil der Geschichte, nach eigenem Ziel aber Integrationskraft in Europa.

Das letzte Referat der schwimmenden Donau-Akademie auf der MS Sofia hielt Rundfunk-Redakteur Ernst Meinhardt von der Deutschen Welle, Berlin. Er schilderte, unterlegt von vielen Originaltönen, welchen Einfluss die deutschen und amerikanischen Auslandssender auf den politischen Umbruch in Osteuropa hatten. Nur ein Land war sprachlich und politisch ausgespart worden - Jugoslawien. Diese Sonderstellung verhinderte nicht den Zerfall des Landes nach Volksgruppen. In den anderen Staaten zerfielen lediglich die kommunistischen Diktaturen.

In den neun Vorträgen wurde systematisch der Lebenskreis um die Donau-Schwaben immer größer: Kanalbau und Landwirtschaft, Hilfskomitee, Geschichte des Volksstammes in Kurzfassung, Orthodoxie, Aufarbeitung des Schicksals durch die Wahrheitskommission, Donauschwaben und Serben in zwei Jahrhunderten, Zerfall des Ostblocks, Gegenwart und Zukunft Serbiens. Die Ordnung der Referatsreihe und der gewonnene Überblick halfen den vielen interessierten Hörern die Zusammenhänge der Volksgeschichte und die des eigenen Schicksals besser zu verstehen.

Die Donau-Schwaben-Schiffsreise in die Vergangenheit war für die Kreuz-Fahrer eine stille Befriedigung, für die Gastgeber in der Vojvodina ein Lichtblick aus der Vergangenheit in die Zukunft. Die Nachfolgegenerationen drängten auf eine Wiederholung im nächsten Jahr. Der Donau-Express wird am 22.10.05 wieder flussabwärts fahren. Und wieder zurück. Um den Dialog fortzusetzen, den Frieden zu kräftigen und die Versöhnung gedeihen zu lassen.


Herbert Schön November 2004
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Chor der Passagiere bei der Morgenandacht


Anhang zum Bericht über die Friedens- und Versöhnungsfahrt der Donau-Schwaben

Eine kleine Broschüre von 20 Seiten in der Größe von DIN A5 hatte während der Friedens- und Versöhnungsreise des Hilfskomitees eine besondere Aufgabe: Das Druckwerk enthält nichts weniger als die "Kurz-Geschichte der Donauschwaben" an der mittleren Donau. Die knappe, aber historisch-korrekte Darstellung gibt es in Deutsch und in Serbisch. Autorin ist Gudrun Strauß-Gleich, Auftraggeber das Hilfskomitee der deutschen Evangelischen Landeskirche aus dem ehemaligen Jugoslawien e.V. Das schmale Heft schließt eine große Lücke in der jugoslawischen Geschichte der letzten 60 Jahre. Die offizielle Geschichtsschreibung in Schulen und Universitäten versuchte die 200-jährige gestaltende Anwesenheit der Donauschwaben zu unterdrücken. In den Nachkriegsgenerationen mit Erfolg. Zwar gibt es von donauschwäbischer Seite viel und von serbischer einige wenige Druckwerke, die gegen diese Geschichtsfälschung angingen - doch diese waren umfangreich, in Jugoslawien schwer zu finden und in allen Fällen kostspielig. In diese Bedarfslücke wurde die "Kurzgeschichte der Donauschwaben" geschaffen.

Die Übersetzung in die serbische Sprache wurde von kompetenter historischer Stelle überprüft und dann übersetzt. Auf diese Weise wurde der erste Schritt in Richtung einer Schulbuchkommission gemacht, die möglichst bald die Ungereimtheiten in der jeweiligen Geschichtsdarstellung beseitigen soll.

Die erste Verbreitung der Broschüre in serbischer Sprache erfolgte durch die Donauschwaben, die im Rahmen der Friedensschiffsreise ihre Heimatorte besuchten. Sie überreichten ihren Bürgermeistern Exemplare der Kurz-Geschichte zur Nutzung in ihren Schulen. Die erste Resonanz war durchgehend positiv, weil sinnvoll, historisch-korrekt für beide Seiten und in kurzer Zeit zu lesen.

Die Broschüre wird an alle Interessierten in einem Stück gegen Briefmarkenersatz kostenlos zugesandt. In Mengen kostet das Stück zwischen 30 und 50 Cent. Zu beziehen über Herbert Schön, Hilfskomitee, Queichheimer Hauptstr. 145 A, 76829 Landau/Pfalz.


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Kindergärtnerinnen aus der Vojvodina

(Bericht aus der Schwetzinger Zeitung vom 31.10.2005)



Immer wenn Tanja zu einem Märchenbuch greift oder dazu einlädt, mit ihr zu singen, wird es in der Spatzengruppe des Reilinger Friedrich-Oberlin-Kindergartens lebendig. Die Buben und Mädchen drängen sich um die junge Frau, jeder hofft, einen Platz genau neben ihr zu bekommen. Langsam, fast bedächtig spricht sie mit den Kindern, die aufmerksam ihren Worten lauschen – und dies trotz einer ungewohnten sprachlichen Einfärbung. Tanja kommt aus Serbien und hospitiert derzeit im Oberlin-Kindergarten. Praktikantinnen sind in dieser Einrichtung eigentlich nichts Ungewöhnliches. Dass aber eine 28-jährige Erzieherin aus der Vojvodina für vier Wochen zu Gast ist, ist auch für Reilinger Verhältnisse eine Besonderheit.

Die Vojvodina ist eine Teilrepublik, die einst zu Jugoslawien gehörte, seit einigen Jahren aber ein Teil des neu entstandenen Staates Serbien ist. Geprägt wird die Vojvodina durch 20 verschiedene Volksgruppen, die in den Regionen Banat, Batschka und Srem leben. Gesprochen werden dort sieben Sprachen, darunter Ungarisch, Slowakisch und Deutsch. Noch heute erinnern „typisch deutsche“ Städte und Dörfer an die Kolonisation durch die Donauschwaben. Im 18. Jahrhundert waren viele Pfälzer, Hessen, Schwaben und Bayern von Ulm aus auf der Donau in die neuen Siedlungsgebiete im pannonischen Raum des habsburgischen Kaiserreichs gekommen. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägten die Deutschen so die Kultur, für über 500 000 Menschen blieb Deutsch die Muttersprache. Mit Ende des zweiten Weltkriegs folgte jedoch die Vertreibung der Donauschwaben, deutschen Traditionen wurden unterdrückt, die deutsche Sprache mit einem Tabu belegt.

Inzwischen macht sich aber auch in diesen Teilen des einstigen Vielvölkerstaates Jugoslawien eine Liberalisierung bemerkbar. Gerade von der jungen Generation wird die historische Vergangenheit bewusst aufgearbeitet. In 15 Gemeinden der Vojvodina haben Erzieherinnen, Eltern sowie die Träger der staatlichen Kinderhorts und Kindergärten sogar beschlossen, Deutsch als zweite Sprache in der Kinderfrüherziehung zu lehren. Um den Erzieherinnen dieser Einrichtungen die Gelegenheit zu geben, sich intensiv mit der deutschen Sprache und der Arbeit in deutschen Kindergärten vertraut zu machen, besuchen derzeit acht Erzieherinnen auf Einladung des Hilfskomitees der deutschen Evangelischen Landeskirche aus dem ehemaligen Jugoslawien und mit Unterstützung des Diakonischen Werks der evangelischen Landeskirche in Baden verschiedene Kindergärten in der Region zwischen Mannheim und Karlsruhe. Für Andrea Ballreich, der Sekretärin von Bürgermeister Walter Klein, keine Frage, sich als aktives Mitglied des Hilfskomitees (ihre Familie stammt aus Novi Sad, dem ehemaligen Neusatz in der Batschka und wurde nach der Vertreibung in Hockenheim heimisch) dafür einzusetzen, auch in der Spargelgemeinde einen Praktikumsplatz bereitzustellen. Für Pfarrer Wilhelm Nauber von der evangelischen Kirchengemeinde keine Frage, diesem Wunsch nach Rücksprache mit der Kindergartenleitung sofort zuzustimmen.
Nach zwei Wochen fühlt sich Tanja Durdev (sie hat wie alle Erzieherinnen in Serbien ein abgeschlossenes Studium als Grundschullehrerin) in Reilingen bereits wie zuhause. Dank ihrer guten Deutschkenntnisse fiel der erste Kontakt nicht schwer. Besonders angetan ist sie aber von der Reilinger Bevölkerung: „Die Menschen sind hier unglaublich offen, hilfreich und voll spontaner Herzlichkeit.“

Im Oberlin-Kindergarten habe sie sich sofort wohl gefühlt, die Kinder hätten sie mit offenen Armen empfangen, die Kolleginnen nicht minder freundlich. Mit leuchtenden Augen erzählt Tanja Durdev aber auch von ihrer Gastmutter Gertrud Hopf und der Metzgerei Ehehalt, wo sie täglich zur Mittagszeit verpflegt wird. Und mit Andrea Ballreich, Gertrud Hopf sowie der Leiterin der Spatzengruppe, Marlies Nitsche, habe sie bereits soviel vom deutschen Leben und den Sehenswürdigkeiten der Region kennenlernen dürfen, wie sie zuvor eigentlich nie erwartet hätte. „Selbst zum Reilinger Kerwetanz wurde ich eingeladen.“

Trotz dieser vielen positiven Erfahrungen ist es der jungen Frau aber am wichtigsten, so viel als möglich von der Arbeit im Kindergarten mitzubekommen. Auch wenn viele Punkte mit ihrer Tätigkeit in Novi Sad übereinstimmen würden, sei sie begierig, vor allem Spiele, Kinderlieder, Tänze und Geschichten kennenzulernen. „Mein Notizbuch ist inzwischen voll mit neuen Ideen und Anregungen“, erklärt sie und strahlt ganz besonders, wenn sie von der Kassette mit Kinderliedern berichtet, die die Reilinger Buben und Mädchen in der Spatzengruppe des Oberlin-Kindergartens eigens für sie besungen hätten. „Das ist nicht nur eine schöne Erinnerung an die Zeit in Reilingen, sondern für mich auch eine wertvolle Hilfe für meine zukünftige Arbeit zu Hause.“ Und ein bisschen stolz ist Tanja Durdev aber auch darauf, den Kindern in Novi Sad die deutsche Sprache und Kultur näher bringen zu können.

Aber auch hier in Deutschland die negativen Eindrücke nach den Kriegsjahren unter Milosevics zu relativieren. „Dies alles ist ein ganz wichtiger Beitrag, die noch bestehenden Vorurteile unter den Völkern abzubauen, und so den Weg zu einem gemeinsamen und friedlichen Europa zu ebnen.“ Und für Andrea Ballreich in Erinnerung an die donauschwäbische Vergangenheit ihrer und vieler anderer Familien die einmalige Chance, „aus unseren früheren Hausnachbarn nunmehr europäische Nachbarn zu machen.“

 

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